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Durch mehr als einen Grenzzaun von den USA getrennt
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Untern dem Titel Schlammcatchen im Akkord - für sieben
Dollar haben Boris Kanzleiter und Darrio Azzellini eine Reportage
veröffentlicht. Der Artikel geht über eine reine Reisebeschreibung hinaus und
vermittelt gerade darum ein ungeschminktes Bild.
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| Es ist die mexikanische
Grenzstadt zu den USA, eine Stadt des modernen Wilden Westens, direkt an der
Pazifikküste gelegen. In Tijuana treffen die Verheißungen des Nordens auf die
Verzweiflung des Südens. Sexindustrie, Drogenhandel, Billiglohnfabriken und
Armenviertel verbinden sich südlich der militärisch befestigte Grenzmauer
zwischen den USA und Mexiko zu einem Panorama der Depression und des
Zivilisationsverfalls.
Wenn es dunkel wird und die Nacht zum Samstag anbricht, beginnt sich
das Zentrum Tijuanas in einen wirbelnden, surrealen Alptraum zu verwandeln. Die
pulsierende Ader der Vergnügungssucht heisst Avenida Revolución, doch den Namen
kennt kaum noch jemand. Der Fluß aus Neonschildern und Lichtreklame wird einfach
nur Boulevard genannt. Hier pochen aus Diskotheken durchdringende Basswellen
während an den Ecken vor den Vergnügungstempeln Indio-Kinder mit Ziehharmonikas
sitzen, mexikanische Volksmusik spielen und um einen Peso betteln.
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The Line
Auf der US-Seite ragen die spiegelverglasten Wolkenkratzer San Diegos
in die Luft und wenige Autostunden weiter nach Norden liegt Los Angeles. Auf der
mexikanischen Seite des unerbittlichen Stahlwalls, der die Grenze bildet, liegen
rund um das Zentrum Tijuanas Elendsviertel, die von Hunderttausenden von
Mexikanern bewohnt werden. In den ärmliche Hütten und Häuschen, die
kilometerlang direkt an der Mauer kleben, leben Menschen, die vorwiegend aus dem
armen Süden des Landes stammen. Sie sind der Hoffnungslosigkeit ihrer Dörfer
entflohen, haben über 3.000 Kilometer zurückgelegt und wollen nun ins Gelobte
Land, nach Norden, wo es Arbeit gibt und ein besseres Auskommen. Einen
Steinwurf vom Ziel ihres Traums entfernt, warten sie auf eine günstige
Gelegenheit, die Linie, wie hier die Grenze heißt, zu überqueren. Doch
der letzte Schritt ihrer Reise ist der schwierigste: Wie die Grenzbefestigungen
überqueren, die Tijuana von San Diego trennen und jährlich Hunderte von Menschen
das Leben kosten?
Für US-Amerikaner, die nach Süden über die Grenze wollen, besteht
dagegen keine Einreisebeschränkung. So knattern kalifornische Rockergangs auf
ihren Motorrädern mit Stahlhelmen und Sonnenbrillen durch die Strassen Tijuanas
und pflegen nach einigem auf- und ab im Hard Rock Café Tijuana einzukehren.
Hochgebockte Jeeps mit Rädern vom Durchmesser eines Traktors kreuzen über den
Boulevard, darin sitzen Muskelprotze mit dem Gesichtsausdruck der Bösen aus den
Schwarzenegger Filmen. Leichtbekleidete Prostituierte konkurrieren um Freier
unter den Tausenden von Wochenendtouristen aus den USA. Gleich um die Ecke ist
für Autos kein Durchkommen mehr möglich, etwa einhundert Mariachis bevölkern in
filmreifen Kostümen die Strasse und spielen für zwei US-$ original mexican
mariachi music. Über allem liegt der durchdringende Geruch von Imbissbuden
und verbrauchtem, altem Fett. In manchen Kneipen dröhnen die Tigres del Norte
aus den Lautsprecherboxen, die die Heldentaten der Bosse nordmexikanischer
Drogenkartelle besingen. Kokain ist so einfach zu bekommen, wie ein Hamburger.
Die überall gegenwärtige, gewalttätige Spannung macht sich in Schlägereien Luft,
oft wird geschossen, über 230 Menschen sind in den letzten neun Monaten in der
Stadt ermordet worden, die meisten im Zusammenhang mit Drogengeschäften.
Auch bei den lokalen Polizeieinheiten scheint der Colt locker im
Halfter zu sitzen. Einige der Erschossenen gehen auf das Konto der Fuerzas
Especiales, einer neugeschaffenen Sondereinheit, die auf Geländemotorrädern
durch die Strassen patroulliert. Sie vermittelt keineswegs den Eindruck von
Sicherheit, sondern eher den einer weiteren Streetgang. Einige ihrer Mitglieder
wurden bereits inhaftiert, da ihre Opfer nicht im vermeintlichen Feldzug gegen
das Verbrechen, sondern im Rahmen des erbitterten Kampfes um Marktanteile an
Drogenhandel und Vergnügungsbetrieb gefallen sind. Daß das Vertrauen in die
Sicherheitskräfte nicht sonderlich weit gestreut ist, verdeutlichen auch
Schilder der Stadtverwaltung mit der Aufschrift, daß Polizisten nicht
autorisiert sind, Geld entgegen zu nehmen.
Nachts: Die große Freiheit bei Sex & Drugs
Jedes Wochenende strömen Tausende US-Amerikaner, Gabachos, wie die
Mexikaner sie nennen, über die Grenze. Für 10 $ die Nacht bekommen sie in
Tijuana ein feines Hotelzimmer, für weitere 20 $ eine junge Mexikanerin gleich
dazu, die - wie ihr Zuhälter sie auf der Strasse feilbietet - die ganze Nacht
alles macht!. Das Geschäft floriert für die Besitzer der diversen Clubs die
Strip-Shows, Schlammcatchen und mehr versprechen. Doch die jungen Frauen
arbeiten dort für nicht einmal 7 $ am Tag im Akkord.
Viele der nächtlichen Touristen sind jung, das Straßenbild
ähnelt einem Rap-Video, es wimmelt von grimmigen Gesichtern mit Kopftüchern,
weiten Hosen und noch flaumigen HipHopper-Bärten. Ein Gutteil dieser Homeboys
sind US-Amerikaner mexikanischer Herkunft, sogenannte Chicanos, und die
wenigsten dürften Gang-Mitglieder sein, obwohl fast alle bemüht sind, als
gnadenlose Outlaws zu erscheinen. Für sie ist es ein Ausflug in eine dubiose
Freiheit, ein Ausbruch aus einer nicht weniger zweifelhaften Restriktion. Zwar
besitzen die meisten von ihnen bereits mit sechzehn einen Führerschein, doch der
Erwerb alkoholischer Getränke und der Zutritt zu Bars und Diskotheken mit
Alkoholausschank ist in Kalifornien erst ab 21 Jahren gestattet. Auf der
mexikanischen Seite hingegen fragt sie niemand nach ihrem Alter, selbst in den
Sex-Bars nicht, obwohl dort gesetzlich eigentlich ein Mindestalter von 18
vorgegeben ist.
Tags: Souvenirs und Alkohol zu Billigspreisen Am nächsten Morgen
ändert sich das Strassenbild völlig, nur vereinzelt sieht man die Protagonisten
der vorherigen Nacht, auf Treppenabsätzen sitzen, ihren schmerzenden Kopf
zwischen beiden Händen haltend, kneifen sie die Augen zusammen und gehen der
gnadenlosen Sonne aus dem Weg. Wo gestern noch lärmende Diskotheken und in
grellen Farben leuchtende Sex-Clubs waren, befinden sich nun unzählige
Souvenirläden und Verkaufsstellen für Parfüm und hochprozentige Getränke, allen
voran Tequila. Überall weisen große Schilder auf die im Vergleich zu den USA
besonders günstigen, teilweise steuerfreien, Preise hin, wohl als Erinnerung für
die wenigen Touristen, die nicht aus genau diesem Grund nach Tijuana gekommen
sind. Der Altersdurchschnitt ist nun wesentlich höher als am Vorabend und
vereinzelt sind sogar japanische Reisegruppen auf Tagestour auszumachen.
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Billiglohnfabriken für den US-Markt
Aber Tijuana ist nicht nur Einkaufsparadies und Reiseziel für
Sex-Touristen. Die Millionenstadt, vor zwanzig Jahren noch ein verschlafenes
Städtchen inmitten der Wüste, stellt auch die letzte Station Hunderttausender
mexikanischer Migranten in Richtung USA und eine der wichtigsten
Sonderwirtschaftszonen des Landes dar. Strategisch günstig, einen Katzensprung
von den USA entfernt, haben sich hier Großkonzerne aus den Industrienationen der
ganzen Welt niedergelassen und Billiglohnfabriken, sogenannte Maquiladoras,
aufgebaut. Mit Unterzeichnung des Freihandelsabkommen zwischen der USA und
Mexiko am 1. Januar 1994 hat sich die Entwicklung weiter beschleunigt. Waren
können nun - im Gegensatz zu Menschen - in beide Richtungen (zoll)frei
verkehren.
In der trockenen Wüstenlandschaft stapeln sich unzählige Container
neben kargen Montagehallen von Hunday, Samsung und Panasonic. Tausende von
kleinen und mittleren Fabriken produzieren für Auftraggeber nördlich der Grenze.
An den Maquiladoras, gleich ob Montagehallen, Textil-, Schuh- oder
Möbelfabriken, hängen große Transparente, auf denen Arbeitskräfte ermuntert
werden, sich zu melden. Versprochen wird "gutes Arbeitsklima", "angenehme
Atmosphäre" und "Integration in die Betriebsfamilie". Doch die Wirklichkeit
sieht anders aus: "Unter den Beschäftigten verstehen wir uns sehr gut",
berichtet die Maquiladora-Arbeiterin Adriana Guadalupe Valenzuola Ruíz, "aber
mit den Chefs ist es anderes, da sie sehr streng sind. Sie verbieten uns, auf
die Toilette zu gehen, oder geben uns nicht genügend Zeit dafür. Sie schimpfen
uns aus, wenn wir mehrmals am Tag Wasser trinken, oder wenn wir mit der Kollegin
vor uns, der neben uns, oder einer, die vorbeigeht, reden. Sobald wir den Kopf
heben, um zu sprechen, schreinen sie uns übel an. Wir leiden auch sehr unter der
Hitze, weil es keine frische Luft gibt. Aber die Personen, die versuchen, eine
Gewerkschaft aufzubauen oder wie ich es gerade tue, ein Interview geben, werden
zuerst als Unruhestifter beschuldigt und dann aus der Fabrik rausgeschmissen."
Auf die Frage, wieviel sie denn verdiene, muß Adriana Guadalupe lachen, "das
reicht nicht einmal, um in einem Café ein ordentliches Frühstück zu
bezahlen!"
Tijuana ist für mexikanische Verhältnisse eine teure Stadt und die
Löhne betragen keine fünf US-$ am Tag. Arbeitsrecht, Arbeitsschutzmaßnahmen,
Gewerkschaften und Umweltauflagen sind praktisch inexistent. Die lukrativen
Investitionsbedingungen werden abgerundet durch die Bestechlichkeit der
Behörden, die gerne bereit sind, Unternehmern einen Gefallen zu tun, wenn sie
unter der Hand ein Bündel Geld über den Tisch schieben. Gearbeitet wird in den
Maquiladoras mindestens neun Stunden und 15 Minuten am Tag, sechs Tage die
Woche. Urlaub über die Weihnachts- und Osterfeiertage hinaus, gibt es nur für
altgediente Firmenmitarbeiter. Die jeden Tag neu ankommende Migranten aus dem
Süden, die nach der langen Reise meist keine zehn Pesos mehr in der Tasche haben
und nicht mehr als die Kleidung, die sie tragen, als Reisegepäck mitbringen,
dienen den Maquilas als Kanonenfutter in der Produktionsschlacht. Wer sich dem
Fabrikregime nicht unterordnet, wird gefeuert. Auf der Straße warten jeden Tag
Tausende, die darauf angewiesen sind, jede Arbeit anzunehmen.
| reproduced with
permission © Boris Kanzleiter & Darrio Azzellini
still want to visit ? see Tijuana: tacky, treacherous, terrific
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